Nein, wir Sommeliers sind nicht dauernd betrunken

Aber man glaubt kaum, wie oft ich das in meinem Job gefragt werde! Ich finde die Frage nicht wirklich schlimm, da ich mich inzwischen darüber amüsiere. Dennoch nehme ich es gerne zum Anlass für diese Zeilen.

Ich beschäftige mich natürlich intensiv mit Weinen und auch Spirituosen und es gibt viele Wochen im Jahr in denen ich tatsächlich auch fast täglich damit in Berührung komme.

Allerdings sieht das berufliche Verkosten anders aus, als sich das die meisten wohl vorstellen. Meistens wird nämlich ausgespuckt. Wie sonst könnte ich nach 10, 20 oder mehr Weinen noch klar denken und etwas für die Arbeit oder mein Studium lernen? Noch dazu wäre es sehr unprofessionell nach einer Verkostung wankend aus dem Raum zu gehen. 

Zweifellos nimmt man trotz Ausspucken etwas vom Wein auf, es heißt etwa 2% bleiben im Mund zurück. 

Wenn man sich allerdings täglich mit dem Thema Alkohol beschäftigt, kommt man am sehr heiklen Thema „Alkoholismus“ nicht vorbei. Das Thema darf auch nicht unter den Tisch gekehrt werden. Alkohol bietet ein enorm hohes Suchtpotential und der Übergang in die Sucht findet oft über Jahre schleichend statt.

Als Sommelier trinkt man natürlich auch und spuck nicht nur aus. Aber Wein hat einen anderen Stellenwert, es geht oft nicht darum einfach irgendetwas zu trinken, sondern darum genau diesen einen Wein zu trinken, zu genießen und sich möglichst ins olfaktorische Gedächtnis einzuprägen. Wir sind also trotz regelmäßigem Genuss nicht dauernd betrunken. Kennen aber sehr wohl unsere Grenzen, sind uns der Gefahr bewusst und gehen auch in der Öffentlichkeit verantwortungsvoll mit dem Thema Alkohol um. 

Es liegt schlussendlich bei jedem selbst, wie er das Thema Alkohol betrachtet. Ich für meinen Teil habe mindestens zwei Tage in der Woche, an denen ich nichts trinke. Das hört sich jetzt immer noch viel an, da ich auch einige Freunde und Bekannte habe, die so gut wie nie etwas trinken. Für mich ist ein Glas Wein am Abend aber Genuss und Ausdruck von Lebensfreude. Es darf nur nie zur selbstverständlichen Gewohnheit werden. Dieses Bewusstsein sollte vorhanden sein und auch gelebt werden. Dann steht meiner Meinung nach dem maßvollen Genuss nichts im Wege. 

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